Samstag, 1. Dezember 2012

Vergleich mit Bundeswehrsoldaten im Afghanistaneinsatz

Heute bin ich laufend auf dem Weg zum Wald von einem Bundeswehr-LKW überholt worden.
Hmmm... Soldat sein. Das ist sicher verdammt hart. Der Fahrer hat momentan aber das Glück hier in Deutschland zu sein. Während des Laufens machte ich mir Gedanken, wie hart der Job in Afghanistan ist:

ER - du


Du kriechst aus dem Bett, wenn der Wecker klingelt.
Er könnte sich gleich selbst umbringen, wenn er auf den Lageralarm so reagierte.
Du hämmerst auf die Hupe, wenn dir jemand in einer Einbahnstraße entgegenkommt.
Er wäre froh, wenn er im dichten Verkehr den Überblick hätte.
Du hast Angst in der Dunkelheit
Wie soll er denn schlafen, wenn sein Feldbett im Panzerkreis steht?
Du schimpfst nach 5 Minuten Lüften über die Kälte.
Er wird heute Nacht bei 5° kalter Luft draußen schlafen.
Du findest 15 min Wartezeit zu lange,
Er wird erschossen, wenn er sich innerhalb der nächsten Stunden bewegt.
Du spielst Battlefield 3.
Woher soll er denn wissen, ob der Mann am Straßenrand Freund oder Feind ist?
Du regst dich auf, wenn andere "stinken".
Er hat, wenn er auf der Lauer liegt, seinen letzten Duschgang vor mehreren Tagen gehabt.
Du meckerst, wenn das Kantinenessen nicht schmeckt.
Er hasst EPA und freut sich über jede Kantine.
Du bist auch während der Arbeit unkonzentriert,
Wenn er diese Tüte nicht, bevor sein Fuchs dort ist, als IED identifiziert, ist der ganze Zug verloren.

Aber unkonzentriert wird er nicht sein,
denn er hat Todesangst.
Im Einsatz.
24 Stunden.
ca. 4 Monate.
Auch nach dem Einsatz.
Eventuell das ganze Leben lang.



Findet ihr/Finden Sie, dass man so etwas als Gedicht bezeichnen kann?
 
Erklärungen:
  • Zu Battelfield: In diesem Ego-shooter-Spiel werden die Gegner in der Karte angezeigt. (Quelle: Markus Leisenklopfer, Vielen Dank dafür!!)
  • Zu EPA: Die berühmte Einmannpackung der Bundeswehr. Verpflegung der Truppe, die unterwegs ist. Nicht sonderlich beliebt. Hier geht es vor allem darum, haltbares und nahrhaftes Essen bereitzustellen, was gleichzeitig schnell und unkompliziert zuzubereiten ist.
  • Zu  Duschgang und Erschießen bei jeder Bewegung: Am extremsten ist es bei KSK-Soldaten/Scharfschützen der Bundeswehr. Sie liegen oft mehrer Stunden/Tage an einem Posten auf der Lauer. Werden sie auf dem Weg dorthin oder dort selbst durch Bewegung oder mangelnde Tarnung entdeckt, kann dies ihr Ende bedeuten.  
  •  Fuchs: Ein Transportpanzer der Bundeswehr.
  • Zu IED: Das sind improvisierte Sprengkörper, meist am Wegesrand deponiert und ferngezündet. Sie stellen eine extreme Gefahr dar. Viele Tote gehen auf die Rechnung einer IED.
  • Todesangst sein Leben lang: Es gibt viele Bundeswehrsoldaten, die an PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) leiden und auch behandelt werden. Die Zahl ist relativ hoch (880 Bundeswehrsoldaten sind derzeit in Behandlung; Stand: 30.September 2012; Quelle: bundeswehr.de), die Dunkelziffer ist sicherlich noch höher. Mögliche Folgen sind Probleme mit Partner/Familie/Freunden (weil man nicht mehr der "alte" ist) und damit auch die soziale Abgrenzung. Auslöser sind meistens traumatische Erlebnisse (z.B. Raketenangriff auf das Lager; Schwere Gefechte;...). Die langfristige Erfolgsquote liegt laut Bundeswehr bei ca 80%. Schlussfolgerung: Ca. 20% haben ihr Leben lang mit den Symptomen zu kämpfen haben (sie sind sehr unterschiedlich, hier eine Aufzählung einiger Möglichkeiten). PTBS zu haben kann bedeuten,
    •  dass man überall, wo man hingeht, den im Einsatz so wichtigen Kontrollblick zwanghaft machen muss (steht da oben jemand am Fenster? Was ist hinter mir? ...) 
    • dass man keiner Person (nicht einmal der eigenen Familie/Ehefrau) vertraut
    • dass belastende Bilder toter/verletzter Kameraden (z.B. in Träumen) wieder auftauchen
    • dass man keine Emotionen mehr zeigen kann bzw. diese nicht mehr kontrollieren kann (z.B. unkontrollierbare Aggression) 

5 Kommentare:

  1. Die Frage ist nicht, ob man es als Gedicht bezeichnen kann, sondern ob eine Bezeichnung überhaupt notwendig ist. Schubladendenken...
    Im Übrigen ist es ein gelungener Text, wie ich finde.

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  2. Alles klar, dann ist das jetzt ein gattungsloser Text, finde ich besser, weil das auch auf den Inhalt übertragbar ist (Fehlen von Sicherheit, Komfort, etc. ...).
    Trotzdem würde ich es gerne in die Nähe eines Gedichts stellen...
    Danke!

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  3. Gedicht passt schon, ist jedenfalls eher lyrisch als episch oder dramatisch. (Danke für die Erinnerung ans EPA, lange nicht mehr daran gedacht.)

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